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Veröffentlichung des Buchs von Bérénice ZUNINO, Die Mobilmachung der Kinder im Ersten Weltkrieg. Kriegskultur und illustrierte Kriegskinderliteratur im Deutschen Kaiserreich (1911–1918), Peter Lang, 2019

 

Dieses Buch ist die überarbeitete Fassung der Dissertation Bérénice Zuninos, ehemalige Stipendiatin des IFRA.

Zusammenfassung: In den Jahren 1914–1918 machte eine Vielzahl von Printmedien die Kinder auch im Deutschen Kaiserreich mit dem Weltkrieg vertraut. Auf einem bild- und erfahrungsgeschichtlichen Ansatz aufbauend untersucht diese Studie am Beispiel der illustrierten Kriegskinderliteratur die sogenannte Kriegskultur, deren Visualität und deren Ursprünge in der Zeit vor 1914. Sie geht auch der Frage nach den möglichen Folgen dieser kulturellen Mobilisierung der Jüngsten nach. Insbesondere die Kinder des Bürgertums, die die wichtigste Zielgruppe dieser Kriegsbücher waren und später Führungspositionen im NS-Regime bekleideten, stehen im Mittelpunkt der Untersuchung. Diese Studie leistet damit einen wichtigen Beitrag zur Kultur- und Erfahrungsgeschichte des Ersten Weltkriegs sowie zur Geschichte der Kriegs- und Nachkriegsjugendgenerationen.

 

Mehr Informationen: https://www.peterlang.com/view/title/18293

 

 

Das IFRA/SHS ist Partner der folgenden deutsch-französischen Tagung:

Die gregorianische Reform, eine „totale Revolution“?

Eine vergleichende Bilanz der Forschungen im deutsch- und französischsprachigen Raum.

La réforme grégorienne, une « révolution totale » ?

État comparatif de la recherche dans les espaces francophones et germanophones.

Lyon, 28.-29. März 2019

 

Deutsch-französischer Nachwuchsworkshop organisiert von Tristan Martine (Université Jean Moulin Lyon 3, CIHAM-UMR 5648) und Jérémy Winandy (Universität Hamburg).

 

 

 

Die Beschäftigung mit der nachkarolingischen Zeit hat in den letzten Jahrzehnten beiderseits des Rheins unterschiedliche Forschungsansätze hervorgebracht. Auf französischer Seite wurde lebhaft über die Bedeutung des Jahrs 1000 und raumtheoretische Fragen diskutiert; auf deutscher Seite hatte man andere Fragen, insbesondere solche nach politischen Ritualen, anderen soziale Gruppen, wie der kaiserlichen Hofkapelle, und andere Epochengrenzen im Blick. So wird beispielsweise das 10. Jahrhundert in der deutschen Historiographie als deutlich geringere Zäsur angesehen, als in der französischen. Auch die „Gregorianische Reform“, als Reformbewegung die den gesamten Okzident von der Mitte des 11. bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts prägte und das Verhältnis von clerici und laici neu definierte, ist in den beiden historiographischen Schulen unterschiedlich bewertet worden. Auf diesem Nachwuchsworkshop wird es darum gehen, eine Bilanz über die verschiedenen Forschungsansätze zu ziehen, die diese bewegte Zeit im Heiligen Römischen Reich und in Frankreich betreffen.

 

Abweichende Definitionen

Bereits der Begriff „Gregorianische Reform“ ist problematisch: Der Ausdruck, der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch die beiden Protestanten F. Guizot und J. Voigt geprägt und etwa ein halbes Jahrhundert später im deutschsprachigen Raum theoretisch durchdrungen wurde[1], enthält einerseits eine moralische Dimension, und bezeichnet andererseits ganz konkret den Konflikt zwischen Gregor VII. und Heinrich IV. Insbesondere diese letzte Bedeutung ist zu knapp bemessen, da bereits seit dem Pontifikat von Leo IX. mehrere Päpste eine ähnliche Programmatik verfolgten. Dennoch bleibt der Begriff, der sich infolge der Publikation des Werkes von A. Fliche zwischen 1924 und 1937 endgültig durchsetzte[2], weiterhin fest im französischsprachigen Sprachgebrauch verankert, wohingegen in der deutschsprachigen Forschung eher vom „Investiturstreit“ gesprochen wird, der besonders die Zeit von 1076-1122 hervorhebt[3].

Dennoch scheint der „Idealtyp“[4] der „Gregorianische Reform“ weiterhin nützlich zu sein, um die Zeit zwischen der Mitte des 11. und der Mitte des 12. Jahrhunderts unter einem Schlagwort zusammenzufassen. In diesem Sinne ist eine Neudefinition der Bedeutung und der zeitlichen Grenzen des Begriffes in den letzten Jahren stärker in den Blick gerückt, insbesondere in Hinblick auf die Frage, ob die Veränderungen dieser Epoche eine mögliche Zäsur zwischen „zwei Mittelaltern“ darstellen kann.

 

Eine revolutionäre Zäsur?

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts begreift man die „Gregorianische Reform“, die bis dahin vor allem auf das Feld der Religionsgeschichte beschränkt war, in einer erweiterten sozio-politischen Dimension. Bereits G. Tellenbach sprach in den 30er Jahren von den Kontroversen um „die rechte Ordnung in der Welt“[5], und S. Weinfurter bezeichnet 70 Jahre später den Gang nach Canossa als „Entzauberung der Welt“[6]. Parallel dazu wurden lokale Differenzen und unterschiedliche Geschwindigkeiten der Entwicklungen herausgestellt, die zum Beispiel die gemäßigte Unterstützung gregorianischer Ideen durch die Kapetinger in Frankreich unterstrich.

Die Idee einer Gregorianischen „Revolution“, die die gesamte Gesellschaft betraf, von rechtlichen Aspekten zu symbolischen Überlegungen, von ikonographischen Darstellungen bis hin zu den Beziehungen der politischen Kräfte, hat sich seitdem schrittweise durchgesetzt. Zunächst unter der Feder deutschsprachiger Historiker wie W. Ullmann und G. Tellenbach[7], später fortgeführt von angelsächsischen[8] und französischen[9] Wissenschaftlern. Die jüngere Forschung hat die Bedeutung dieser Zäsur um 1000 deutlich abgeschwächt und gleichzeitig dazu beigetragen, das gregorianische Moment als fundamentalen Bruch anzusehen. Heute ist zum Teil sogar von einer „Mutation de l’an 1100“ die Rede[10], die besonders (aber nicht nur) durch die päpstlichen Reformen und deren Konsequenzen in den lateinischen Gesellschaften bestimmt wurden.

 

Eine vergleichende, interdisziplinäre Forschungsbilanz

Das Ziel dieses Nachwuchsworkshops ist es, eine Bilanz der Forschungen der letzten Jahrzehnte zu ziehen. Angestrebt ist ein besseres Verständnis, wie Forscherinnen und Forscher aus verschiedenen Disziplinen und unterschiedlichen historiographischen Schulen die „Gregorianische Reform“ zeitlich und thematische definieren und, noch bedeutender, wie sie die Veränderungen dieser Epoche begreifen und bewerten.

Der Workshop ist dezidiert interdisziplinär und umfasst zahlreiche Fachdisziplinen (Kirchen-, Liturgie-, Politik-, Sozial-, Wirtschafts-, Kultur- und Rechtsgeschichte, Diplomatik, Philologie, Archäologie und Kunstgeschichte). Diese Herangehensweise ermöglicht eine Durchlässigkeit über die Disziplingrenzen hinweg und soll vor allem die Möglichkeit bieten, einen Dialog zwischen jungen deutsch- und französischsprachigen Forscherinnen und Forschern zu ermöglichen und zu hinterfragen, ob die Unterschiede der Quellenlage oder hauptsächliche den unterschiedlichen historiographischen Traditionen zu schulden sind.

 

 

Wissenschaftlicher Beirat

G. Bührer-Thierry (Université Paris 1)

C. Caby (Université Lumière Lyon 2)

J. Chiffoleau (EHESS)

Ph. Depreux (Universität Hamburg)

M.-C. Isaïa (Université Jean Moulin Lyon 3)

G. Lubich (Universität Bochum)

P. Monnet (IFRA-SHS/ EHESS)     

J. Théry (Université Lumière Lyon 2)

S. Vanderputten (Ghent University)

 

Das Programm finden Sie als PDF-Datei unten (Programme Atelier Gregorien_deutsch).




[1] C. De Miramon, « L'invention de la Réforme grégorienne : Grégoire VII au XIXe siècle entre pouvoir spirituel et bureaucratisation de l'Église », 2017.

[2] A. Fliche, La réforme grégorienne, 3 Bd., E. Champion, Paris, 1924-1937.

[3] C. Zey, Der Investiturstreit, C.H. Beck, Munich, 2017; W. Hartmann, Der Investiturstreit, R. Oldenbourg, Munich, 2007 (3. Aufl.); W. Goez, Kirchenreform und Investiturstreit: 910 - 1122, W. Kohlhammer, Stuttgart, 2000.

[4] F. Mazel, « Pour une redéfinition de la réforme "grégorienne". Éléments d'introduction », in La réforme « grégorienne » dans le Midi (milieu XIe - début XIIIe siècle), Éditions Privat, Cahiers de Fanjeaux n° 48, 2013, p. 10.

[5] G. Tellenbach, Libertas. Kirche und Weltordnung im Zeitalter des Investiturstreits, W. Kohlhammer, Stuttgart, 1936.

[6] S. Weinfurter, Canossa: die Entzauberung der Welt, C. H. Beck, Munich, 2006.

[7]  W. Ullmann, The Growth of Papal Government in the Middle Ages: A Study in the Ideological Relation of Clerical to Lay Power, Methuen, Londres, 1955; G. Tellenbach, Libertas…, op. cit.

[8] H. J. Berman, Law and Revolution: the formation of the western legal Tradition, Harvard University Press, Harvard, 1983; K. Leyser, Communications and power in medieval Europe: the gregorian revolution and beyond, The Hambledon Press, Londres, 1994.

[9]  F. Mazel, « La réforme grégorienne. Une révolution totale », L’Histoire, n° 381, 2012, p. 66-72.

[10] D. Barthélemy, « Deux mutations du « féodalisme » (Point de vue) », in D. Barthélemy et O. Bruand (eds.), Les pouvoirs locaux dans la France du Centre et de l’Ouest (VIIIe-XIe siècles). Implantation et moyens d’action, Rennes, Presses Univ. de Rennes, 2005, p. 244.