Europa als Herausforderung

Europa als Herausforderung

www.europa-als-herausforderung.eu

2012 hatte das IFHA (heute IFRA) in Zusammenarbeit mit der Frankfurter Johann Wolfgang Goethe-Universität das Projekt „Saisir l'Europe - Europa als Herausforderung“ ins Leben gerufen, das Pierre Monnet in der Revue (2013, Nummer 5) ausführlich vorstellte. Fünf Jahre lang haben deutsche und französische WissenschaftlerInnen aus dem Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaften zum Thema Europa geforschen und ihre Ergebnisse veröffentlicht.

Angesichts der Krisen, die die Europäische Union erschütterte und immer noch erschüttert, versuchte das deutsch-französische Forschungsteam, die Europafrage neu zu stellen. Aus heutiger Zeit ist es angemessen, einen veränderten Blick auf das europäische Modell zu werfen, es nicht als Errungenschaft, sondern als Herausforderung für Politik, Gesellschaft und Wissenschaft zu verstehen. Die Arbeit an dem Projekt war interdisziplinär und international ausgerichtet. Sie orientierte sich an drei zentralen, auf mehreren Vortreffen entwickelten Achsen. Vorgestellt wurde das Konzept am 13. Oktober 2011 in der Akademie der Wissenschaften in Berlin vor den französischen und deutschen MinisterInnen sowie VertreterInnen der wichtigsten Forschungseinrichtungen beider Länder. Es gliederte sich in folgende Teilbereiche:

  • Der Sozialstaat
  • Nachhaltigkeit
  • Urbane Gewalträume

Der erste Themenbereich befasste sich mit den europäischen Sozialstaaten und ihrer unsicheren Zukunft (fehlende Mittel, sich verändernde Strukturen und stark alternde Gesellschaften). Das Thema Nachhaltigkeit reichte über den Aspekt des reinen Umweltschutzes hinaus, um existentielle Fragen bezüglich unserer zukünftigen Gesellschaften aufzugreifen. Demgegenüber beschäftigte sich die dritte Themeneinheit mit Formen urbaner Gewalt. Diese treten heute in allen europäischen Gesellschaften auf und haben die dortige Lebenswirklichkeit und die Wahrnehmung menschlichen Wohlbefindens stark verändert. Nachdem sich der Staat in den vergangenen Jahrzehnten aus vielen gesellschaftlichen Bereichen zurückgezogen hat, muss nun eine grundlegende Erneuerung der öffentlichen Hand erfolgen, damit diese in den drei genannten Feldern Lösungen für die aktuellen Probleme in einer noch dazu instabilen sozialen Umgebung finden kann.

Abgesehen von seiner direkten Beteiligung an dem Projekt, war das IFHA (heute IFRA) auch maßgeblich an der Entwicklung der Fragestellungen des zweiten Themenkomplexes beteiligt, dessen deutsche Koordination in den Händen der Frankfurter Goethe-Universität lag, während die französische Seite von Lyon aus gesteuert wurde.

 

Ein deutsch-französisches Netzwerk

Ziel des Projektes war es, ein deutsch-französisches Netz zu knüpfen – und, wenn nötig, andere europäische oder außereuropäische Länder hinzuziehen -, das die wissenschaftliche Bearbeitung der oben genannten Themenkomplexe übernahm. Dies war auf überzeugende Weise gelungen, haben doch namhafte Institutionen und Personen aus beiden Ländern mit langjähriger Erfahrung in der deutsch-französischen Forschung und Lehre die Bedeutung des Themas erkannt und sich zur Mitarbeit bereit erklärt: Das Institut français d’histoire en Allemagne, heute das deutsch-französische Institut für Geschichts- und Sozialwissenschaften (IFRA) , und seine Partner, die Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt, das CIERA und seine dazugehörigen Einrichtungen, das Marc Bloch-Zentrum und die Humboldt-Universität in Berlin, die Fondation de la Maison des sciences de l’Homme sowie das Deutsche Historische Institut in Paris.

Jene Institutionen haben sich für dieses Projekt auf ganz neue Formen der Kooperation eingelassen. Es gab einen Vorstand, der von zwei SprecherInnen vertreten wurde: Michael Werner (CIERA) und Gabriele Metzger (Humboldt-Universität Berlin). Hinzu kamen verschiedene Kommissionen, ein wissenschaftlicher Beirat und die drei genannten Arbeitsgruppen – ein tragfähiges Netz, aus dem im besten Fall international besetzte Forschungsteams hervorgingen, die auch jenseits der fünf anberaumten Jahre aktuelle Fragestellungen aufgriffen und Finanzierungshilfen zu deren wissenschaftlicher Bearbeitung erschlossen. Für das Europa-Projekt musste keine eigene Einrichtung ins Leben gerufen werden. Es stellte vielmehr ein Geflecht aus bereits bestehenden Institutionen dar und konnte sich deren Strukturen, Kenntnisse und Erfahrungen zunutze machen.          

Neben den wissenschaftlichen Zielen, die das Projekt verfolgte, sollte – dies war der zweite Fokus – eine neue Generation junger ForscherInnen herangebildet werden. Die DoktorandInnen profitierten davon, in ein anerkanntes Forschungsumfeld integriert zu sein und verschiedene wissenschaftliche und kulturelle Herangehensweisen kennenlernen zu können. Verantwortlich für je eine der drei oben beschriebenen Arbeitsgruppen, erwarben die DoktorandInnen neue Kompetenzen nicht nur im Bereich des wissenschaftlichen Arbeitens. So waren sie zum Beispiel dafür verantwortlich, durch regelmäßige Treffen, Workshops und Kolloquien die innere Dynamik und den Austausch zwischen den Untergruppen lebendig zu halten. Sie stellten den Kontakt zur Fachwelt her und sorgten gleichzeitig dafür, dass die Forschungsergebnisse auch von einem breiteren Publikum und den Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft wahrgenommen wurden. Die Treffen finanzierten sich zum Teil aus dem Budget der beteiligten Institutionen, doch bestand eine Aufgabe der jungen WissenschaftlerInnen darin, Drittmittel zur Deckung der Restkosten aufzutun.

Jede Arbeitsgruppe organisierte einen internationalen Studientag, bei dem bisherige Ergebnisse mit einem breiten Publikum diskutiert wurden. Die wissenschaftlichen Arbeiten der TeilnehmerInnen wurden als Monographie zusammengestellt, die wichtigsten Resultate als Artikel in den bekannten Fachzeitschriften veröffentlicht. Außerdem verfasste jede Gruppe einen Abschlussbericht, in welchem das Konzept, der theoretische Unterbau und die zugrunde gelegten Fallstudien versammelt wurden, um so ein Raster zu hinterlegen, das bei weiteren Studien über Europa zu Rate gezogen werden kann.

Zur Koordination, zur Vernetzung und Veröffentlichung von Teilergebnissen der Arbeitsgruppen wurde eine zweisprachige Internetseite eingerichtet (http://www.saisirleurope.eu/). Sie diente der Weitergabe von Informationen und dem wissenschaftlichen Austausch. Außerdem konnten hier Literaturtipps sowie Berichte von Tagungen und Workshops ins Netz gestellt werden.

Auch die Revue de l’IFHA (heute Revue de l'IFRA) wurde von den beteiligten Arbeitsgruppen intensiv zur Publikation genutzt. Hier fanden sich regelmäßige Berichte über die Tagungen und Workshops, die im Rahmen des Projekts stattfanden.

 

Der Ablauf des Projekts 

Der genaue Zeitplansah  wie folgt aus: Die WissenschaftlerInnen und PostdoktorandInnen trafen sich im Februar 2013, um Details zu den drei großen Teilbereichen des Projekts zu besprechen. Das zweite Jahr begann mit einem Kolloquium, an dem alle DoktorandInnen, PostdoktorandInnen und mit dem Projekt befassten WissenschaftlerInnen teilnahmen. Während der Hauptphase trafen die drei Arbeitsgruppen einmal im Jahr für einen mehrtätigen Workshop zusammen, um die bis dahin erarbeiteten Einzelergebnisse im Sinne des übergeordneten gemeinsamen Themas zusammenzuführen. Beim Abschluss-Kolloquium sollte eine allgemeine Bilanz gezogen werden. Hier gilt es auch, die Forschungsarbeit innerhalb eines internationalen Netzwerks, die Begleitung der DoktorandInnen und das Einbeziehen junger ForscherInnen in professionelle Systeme zu reflektieren, um Erkenntnisse daraus für eventuelle Anschlussprojekte fruchtbar machen zu können.

Gleich zu Beginn machte eine Eröffnungsveranstaltung anlässlich des fünfzigsten Jahrestages der Elysee-Verträge auf das Europa-Projekt aufmerksam. In Berlin gabv es unter dem Titel „Saisir l’Europe – Europa als Herausforderung“ eine Veranstaltung vor führenden VertreterInnen aus Wissenschaft, Presse und Fachwelt, die von ihren Erfahrungen und ihren Interpretationen der europäischen Herausforderung berichteten. Die Abschlussveranstaltung im Jahr 2017 fiel mit den Feierlichkeiten anlässlich des fünfzigsten Jahrestages der Römischen Verträge zusammen. Diese Situation wurde genutzt, um bei der Ergebnispräsentation ein wirklich breites Publikum zu erreichen.

Das hier skizzierte Projekt stellte für das IFRA einen Dreh- und Angelpunkt dar, um den sich auch in den kommenden Jahren zahlreiche Aktivitäten rankten. 

  

 © Foto: Europa als Herausforderung