Call for Papers: Außeruniversitäre Forschungs- und Innovationspraktiken in Europa 17. bis 21. Jahrhundert

Call for Papers: Außeruniversitäre Forschungs- und Innovationspraktiken in Europa 17. bis 21. Jahrhundert

15.06.2020 (Ganztägig) bis 16.06.2020 (Ganztägig)
Goethe-Universität Frankfurt (IG-Farben Haus, Norbert-Wollheim Platz, 1, Raum IG.1-418)

Deadline: 2. März 2020

« Am 2. April 1853 begab sich der Pfarrer George Jones, Kaplan der Marine der Vereinigten Staaten, auf eine Seereise nach Japan und zurück und beobachtete das Zodiakallicht jede Nacht, jeden Abend und jeden Morgen während der gesamten Dauer der Reise über einen Zeitraum von mehr als zwei Jahren. Jones war sorgfältig in seiner Dokumentation des Auftretens des Phänomens und bemühte sich, die Subjektivität aus seinen Erkenntnissen zu eliminieren, indem er nach Bestätigung durch seine Gefährten auf dem Schiff suchte, die keine bestehendenErwartungen an das, was sie sehen sollten, hatten. Seine Aufzeichnungen, die 1856 in Washington veröffentlicht wurden, waren die erste ernsthafte Langzeitstudie zu diesem Thema und stellen immer noch das größte Einzelarchiv von Kenntnisnahmen des Zodiakallichtes dar; insbesondere seine Berichte über dessen Variabilität über Zeit und Breitengrad geben immer noch Anlass zum Nachdenken. » (May, 2008, A survey of radial velocity in the zodiacal dustcloud, New York: Springer, 4)

Dieses Beispiel zeigt, wie außeruniversitäre Forschungsbedingungen das produzierte Wissen beeinflussen. Hier macht ein Marinekaplan, dessen lange Missionen ihn über viele Breitengerade hinweg führen, astronomische Beobachtungen desselben Phänomens über einen langen Zeitraum in einer Weise, die für andere Akteure nicht möglich wäre. Seine Arbeit blieb – bis vor mindestens zwölf Jahren - eine Quelle nützlicher Informationen für einen an diesem Thema interessierten Astrophysiker.

Ziel dieser Konferenz ist es, die Produktion von wissenschaftlichem, medizinischem, künstlerischem und technologischem Wissen außerhalb der Universitätin Europa zwischen dem 17. und 21. Jahrhundert zu untersuchen.

Es geht darum zu verstehen, wer diese außeruniversitären Akteure sind und die Wechselwirkungen zwischen ihren Forschungsbedingungen, dem erzeugten Wissen und seiner Rezeption zu untersuchen. Der Titel dieser Frage soll weder eine Marginalität der betreffenden Akteure noch ihre Zentralität implizieren, sondern fordert uns auf, die Komplexität der Wechselwirkungen zwischen sozialem und wissenschaftlichem Umfeld zu untersuchen.

Eine Soziologie dieser nicht-akademischen Akteure ist eine erste mögliche Herangehensweise, zum Beispiel durch einen biographischen oder prosopographischen Ansatz. Die Beiträge können sich auf Gruppen konzentrieren, die sich an der Schnittstelle von Berufs- und Wissenschaftswelt befinden: Ingenieure, Experten oder Mitglieder von Fachgesellschaften. Die Untersuchung des Beitrags von Feldärzten zur medizinischen Forschung oder von Netzwerken von Akteuren an der Peripherie der wissenschaftlichen Welt, die spezifisches Wissen produzieren, kann ebenfalls ein wichtiger Beitrag zu dieser Konferenz sein. Unterdrückungssituationen (Klasse, Geschlecht, koloniale und postkoloniale Situationen) und ihr Einfluss auf die Wissensproduktion sollten ebenfalls untersucht werden.

Ein zweites Problem betrifft die materiellen Bedingungen der Beobachtung und Datenerfassung. Außeruniversitäre Akteure haben spezifische Forschungsbedingungen, die wir untersuchen müssen, um zu verstehen, wie sie die Ergebnisse beeinflussen. Diese Frage könnte auf universitäre Akteure in improvisierten Feldsituationen ausgeweitet werden, wie Marcel Mauss, der die Körpertechniken seiner Kameraden während des Ersten Weltkriegs beobachtete.

Die Frage nach Kriegs-, Militär- oder Gewaltkontexten und den dort entstehenden Entdeckungen und Innovationen stellt einen dritten möglichen Forschungsbereich dar. Dazu gehören beispielsweise die Wechselwirkungen zwischen Wissenschaft, Militär und Industrie in Konfliktsituationen.

Die Frage des Zugangs zur wissenschaftlichen Literatur und der Verbreitung von Forschungsergebnissen muss sowohl unter dem Gesichtspunkt der institutionellen Hindernisse (falls vorhanden) als auch unter dem Gesichtspunkt der Stil- und Entwurfsstandards betrachtet werden. Diese Dimension ist natürlich im Laufe des Zeitraums von unterschiedlicher Bedeutung, da sich die wissenschaftlichen Disziplinen zunehmend professionalisieren.

Die Berücksichtigung eines Zeitraums von vier Jahrhunderten erlaubt Aussagen darüber, wie sich die Veränderungen in der wissenschaftlichen Praxis und der akademischen Welt auf die hier untersuchten Themen auswirken. Unter den zu berücksichtigenden Veränderungen sollten die Entwicklung der Universitäten, die fortschreitende Konstitution der Disziplinen und ihre Professionalisierung, Kolonisierung und Dekolonisierung, die Industrialisierung und der wachsende Einfluss der technischen Entwicklungen und der Patente sowie der Raum, den bewaffnete Konflikte in den betrachteten Gesellschaften einnehmen, berücksichtigt werden.

Besonders begrüßt werden Beiträge, die ihr Augenmerk auf die Periodisierung und die Identifizierung von Übergangsphasen legen. Die Relevanz oder Irrelevanz von spezifischen Kontexten von Wendepunkten wie den Anfängen der Industrialisierung am Ende des 18. Jahrhunderts, den großen Entdeckungen des frühen 20. Jahrhunderts oder der massiven Zunahme des Zugangs zur Universität in der Mitte des 20. Jahrhunderts könnten untersucht werden.

Besonders hervorgehoben werden Beiträge, in denen die Relevanz der Kategorie des professionellen Forschers je nach Zeitraum in Frage gestellt wird, sowie Vorschläge, die die Möglichkeit bieten, eine kritische Reflexion über die Stellung nicht-institutioneller Akteure in unserer derzeitigen Forschungspraxis zu entwickeln.

So lassen sich unter anderem drei Forschungsschwerpunkte identifizieren:

 

1. Bedingungen für die Produktion von Wissen

2. Außeruniversitäre Akteure: Porträts von Gruppen oder Einzelpersonen

3. Wissenstransfer und Interaktionen mit der akademischen Gemeinschaft

 

Diese Konferenz ist in einem deutsch-französischen Rahmen organisiert. Das betrachtete Gebiet ist in erster Linie Europa, mit einem Schwerpunkt auf diesen beiden Ländern, einschließlich, wenn es relevant ist, ihrer Kolonialgebiete. Vorträge zu anderen geografischen Bereichen sind jedoch ebenfalls möglich.

Die Konferenzsprachen sind Französisch, Deutsch und Englisch. Zumindest die passive Beherrschung dieser Sprachen wird ein entscheidender Vorteil sein, um die Debatten verfolgen zu können. Dies ist ein Konferenz für junge ForscherInnen. Es steht daher DoktorandInnen, jungen DoktorInnen und PostdoktorandInnen offen, mit der Möglichkeit, fortgeschrittene Master und Forscher (maîtres de conférences / DozentInnen) zu Beginn ihrer Karriere aufzunehmen. Diese Konferenz wird von HistorikerInnen und WissenschaftshistorikerInnen organisiert, ist aber gegebenenfalls offen für andere Disziplinen der Human- und Sozialwissenschaften oder auch für junge ForscherInnen aus anderen Disziplinen (Naturwissenschaften, Ingenieurwissenschaften, Medizin, Informatik usw.), sofern ihr Forschungsthema eine historische Reflexion beinhaltet.

 

Bewerbung:

Um sich zu bewerben, senden Sie eine Antwort auf diese Call for Paper (Email-Adresse: jeifra2020@gmail.com) mit einem Titel, begleitet von einem Text von etwa einer Seite, in dem das betreffende Thema, die vorgesehene Methode und die verwendeten Quellen angegeben sind. Der Text kann in einer der drei Sprachen der Konferenz (Deutsch, Französisch, Englisch) eingereicht werden. Fügen Sie auch einen Lebenslauf bei. Die Beiträgesind 20 Minuten lang.

 

Deadline: 2. März 2020

 

Praktische Informationen

Organisiert wird die Konferenz vom Deutsch-Französischen Institut für Geschichts- und Sozialwissenschaften in Frankfurt. Sie findet am 15. und 16. Juni 2020 an der Goethe-Universität Frankfurt (IG-Farben Haus, Norbert-Wollheim Platz, 1, Raum IG.1-418) statt. Die Konferenz beginnt am 15. Juni um 14 Uhr und endet am 16. Juni um 18 Uhr.

Die Unterbringung und Anreise sowie die Verpflegung während des Symposiums werden von den organisierenden Institutionen übernommen.